Liebe Mitpilger,
im Jahre 1932 bespricht Albert Einstein eine Schallplatte. Er nennt diesen Text „Mein Glaubensbekenntnis“. „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
Einstein war sich sehr bewusst, dass Erkenntnis das Geheimnis nicht lüftet, sondern vertieft und das Wunder noch unfassbarer macht. Denn der Zugewinn an Wissen steigert das Bewusstsein dafür, dass wir ganz am Anfang stehen. Weisheit und Demut gehen immer Hand in Hand.
Die Erfahrung, etwas Unfassbarem zu begegnen, machen wir heute immer seltener, weil uns die Kraft fehlt die eigentlich wichtigen Fragen zu stellen. In den Augen der meisten Zeitgenossen hat die Welt ihre Geheimnisse verloren. Fragen beantwortet dann der Computer. Die Maschine klärt den Menschen darüber auf, wer er ist, woher er kommt, wohin er geht und was der Sinn des Lebens ist. Wer sich damit zufrieden gibt, dessen Augen sind tatsächlich erloschen. Sie sind leer und tot. In diesem Sinne blind geworden, verliert der Mensch die Ehrfurcht vor dem Leben, so sagt es Albert Schweitzer.
Da lobe ich mir die wachen Augen meiner Enkelin. Sie sind wahrhaftig die Fenster der Seele. In diese Augen schauen zu dürfen ist wunderbar und belebend. Julia weiß um die Geheimnisse und Wunder um sie herum. In ihr ist der Entdeckergeist voller Tatendrang. Sie will wissen und kennenlernen. Fragen sind das Kapital kleiner Kinder. Viel zu früh erschlagen wir sie mit unseren oberflächlichen Antworten und lassen sie verstummen. Damit verstopfen wir ihren Sinn für das Geheimnis, die Wunder und Gott, bis sie so abgestumpft sind wie wir. Keine Fragen, kein tiefes Gespräch, nur Google. Was wir hier bekommen ist geistiges und geistliches Fastfood, das die materielle Dimension nicht übersteigen kann.
Was bin ich meiner Enkelin dankbar für die Erfrischungskur, die ich durch sie erleben darf. Sie ist mir eine wunderbare Lehrmeisterin und erklärt mir spielend die Welt. Sie schwärmt von der Liebe, wenn sie mich anschaut und weiß, dass nur sie zählt.
Ich begreife, dass die Entwicklung des einzelnen Menschen die Entwicklung der ganzen Menschheit widerspiegelt. Julia entdeckt gerade, dass die kleine Hand, die sie da wahrnimmt, zu ihr gehört. So müssen auch wir Menschen ein immer klareres Bewusstsein dafür entfalten, dass wir alle zusammen gehören. Wir sind eins. Die Menschheit als Leib Christi.
Lassen wir Alten uns die Augen von den Kleinsten wieder öffnen. Dann werden uns Offenbarungen zuteil, die die graue und stumme Welt in wunderbare Farben taucht und zum Klingen bringt.
Mit frohem Gruß Euer Mitpilger